In meiner Studienzeit gab es ein kleines Buch, das hieß Empört euch. Stéphane Hessel, ein knapper Text, große Wirkung. Das Buch selbst war vor allem ein Aufruf, ein Anstoß. Aber es hat in seiner Zeit etwas mitgetragen, das mir heute auffällt, weil es fehlt: die Idee, dass Empörung produktiv sein kann. Dass sie etwas sichtbar macht, dem eine Lautstärke gibt, das Gegenüber kurz in seinem Denken anhalten lässt. Empörung als Aufmerksamkeitsbewegung mit einer Richtung.
Damals war zumindest noch das Verständnis da, dass Empörung mehr sein muss als ihre eigene Geste. Sie war im besten Fall Kritik plus Feedback. Wer sich empörte, brachte einen Vorschlag mit, oder zumindest eine Bereitschaft zum Gespräch. Eine Idee, wie es anders, besser, sinnvoller sein könnte. Empörung war eine Einladung, kein Endpunkt. Der Gegenstand der Auseinandersetzung blieb das Objekt der Empörung. Man stritt über eine Sache, nicht gegen einen Menschen.
was sich verschoben hat
Heute ist das anders. Das Objekt der Empörung ist nicht mehr die Sache, sondern das Gegenüber. Anstatt in der Sache zu bleiben, geht es ins Persönliche. Das hat viel mit der Logik der Plattformen zu tun. Likes vermischen Geschmacks- und Werturteil zu einer einzigen Währung und Kommentare wirken oft nicht mehr wie Beiträge zu einer Diskussion, sondern wie Markierungen einer Position gegen eine andere Person. Der Diskussionsgegenstand rückt dabei immer näher an das Gegenüber heran, bis beide kaum noch zu unterscheiden sind. Wer eine Position vertritt, wird zur Position. Wer kritisiert wird, wird selbst zur Kritik.
Das Ergebnis ist eine Entmenschlichung im Schnelldurchlauf. Und was dabei verloren geht, ist genau das, was Empörung tragen kann: der konstruktive Vorschlag. Das merkt man in fast allen aktuellen Debatten. Bei gestrandeten Walen, bei der Politik, die man doch viel besser machen könnte, ohne dass jemand sagt wie. Im beruflichen Kontext, wo aus den ehemaligen Silos, die durch Kompetenz und Hierarchie abgetrennt waren, ein offener Raum geworden ist, in dem sich zwar alle begegnen, aber jeder als Vertreter eines Lagers. Die Empörung ist da, der Vorschlag fehlt.
empörung als selbstzweck
Empörung um der Empörung willen ist Selbstzweck. Sie dient nur noch dazu, sich selbst zu spüren, sich seiner eigenen Position zu vergewissern. Das Gegenüber leidet unter dieser Empörung, ohne dass ein gemeinsamer Gesprächsraum entsteht. Und Selbstzweck ist etwas, das weder mir noch dem anderen einen Mehrwert bietet. Die Befreiung vom eigenen Druck führt häufig zum Schaden des anderen.
Wir müssen lernen, uns in der Sache zu empören, nicht an und in Personen. Und das Gespräch muss in Bezugnahme bleiben, also in echtem Austausch zu dem, was gesagt wurde und nicht nur zu dem, was wir verstanden zu haben glauben.
empathie als grundlage
Hier braucht es eine erste Kompetenz, die viel zu selten geübt wird: Empathie. Zuhören mit dem Willen, das Gegenüber verstehen zu wollen. Nicht das Zuhören als Abwarten, bis der andere mit seinem Satz fertig ist, um ihm dann zu sagen, was die eigene Meinung ist. Meine Meinung, die dann als Wahrheit erscheint. Mir vielleicht, dem anderen nicht. Und wenn sie es nicht tut, dann durch Lautstärke oder Aggression.
Es ist gut, Kritik an Systemen und Dingen zu üben. Aber es braucht die Empathie für sich selbst, für das Gegenüber, für den Kontext und das System, in dem alles passiert. Nur so entsteht ein Sprachraum, in dem beide miteinander leben und auch gesund streiten können. Verletzungsfrei. Zumindest traumafrei.
drei prüffragen
Vor jeder Empörung lohnt sich deshalb ein kurzer Check:
Ist die Empörung erstens berechtigt? Passiert sie zweitens auf der Sachebene oder rutscht sie ins Persönliche? Und bringt sie drittens einen konstruktiven Vorschlag mit, wie das Ganze gelöst werden kann, im Sinne eines gemeinsamen, bestmöglichen Zusammenlebens?
Empörung sollte keine Aneinanderreihung von Meinung und Lautstärke sein. Sie sollte dem anderen Raum geben, sich zu formulieren, auch dann, wenn der erste Ansatz vielleicht nicht ganz gelingt. Auch deshalb darf Empörung nicht absolut sein. Sie darf mögliche Gesprächsräume nicht abschneiden, bevor sie überhaupt entstanden sind.