unternehmertum heißt: in minimaler, nicht maximaler unsicherheit entscheiden

Es gibt ein verbreitetes Bild vom Unternehmer als jemand, der schnell entscheidet, gerne unter hoher Unsicherheit, weil er sich mutig ins Ungewisse wirft. Dieses Bild ist romantisch, aber falsch. Wer schnell unter maximaler Unsicherheit entscheidet, entscheidet vor allem schlecht. Die eigentliche Leistung des Unternehmertums liegt woanders.

was eine gute unternehmerische entscheidung ausmacht

Auch ein gut informierter Unternehmer entscheidet unter Unsicherheit. Es bleibt immer ein Rest, der sich nicht auflösen lässt: Marktverhalten, technologische Entwicklungen, das Verhalten anderer Menschen. Vollständige Information existiert nicht. Aber zwischen vollständiger Information und reinem Bauchgefühl liegt ein großer Raum und genau in diesem Raum entscheidet sich die Qualität unternehmerischer Arbeit.

Ein guter Unternehmer ist nicht jemand, der bei maximaler Unsicherheit entscheidet, sondern jemand, der die Unsicherheit so weit wie möglich reduziert hat und dann trotzdem eine mutige Entscheidung mit Risiko trifft. Das eine ist Roulette, das andere ist Handwerk. Der Unterschied liegt im Vorlauf: im Verstehen des Kontextes, im Sammeln von Information, im bewussten Reduzieren der Unsicherheit auf das, was unauflösbar bleibt.

das paradox der schnelllebigen welt

In einer schnelllebigen Welt steigt die Anzahl der Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Gleichzeitig wächst die Uninformiertheit, mit der sie getroffen werden. Beides hängt zusammen. Wer keine Zeit hat, sich den Kontext zu erschließen, entscheidet zwangsläufig unter höherer Unsicherheit. Und je häufiger das passiert, desto mehr Folgeentscheidungen entstehen, weil falsche Entscheidungen korrigiert, nachgebessert oder rückabgewickelt werden müssen.

So entsteht eine Spirale. Wenig Zeit für Kontext führt zu uninformierten Entscheidungen. Uninformierte Entscheidungen erzeugen Korrekturbedarf. Der Korrekturbedarf frisst die Zeit, die eigentlich für Kontext und Information vorgesehen war. Am Ende steht ein Unternehmer, der den ganzen Tag entscheidet und am Abend das Gefühl hat, nichts wirklich verstanden zu haben.

die kausalität: weniger kontext, mehr entscheidungen

Aus meiner Sicht gibt es hier eine klare Kausalität: Je weniger Zeit ich in Information und Kontext investiere, desto mehr Entscheidungen muss ich unter maximaler Uninformiertheit treffen. Umgekehrt gilt: Wer sich die Zeit nimmt, Kontext und Information zu verstehen, senkt nicht nur die Qualität der einzelnen Entscheidung, sondern auch die Anzahl der Entscheidungen, die überhaupt anfallen.

Das ist kontraintuitiv. Es fühlt sich produktiv an, schnell zu entscheiden, weil jede Entscheidung wie Fortschritt aussieht. Es fühlt sich unproduktiv an, sich zwei Stunden in einen Sachverhalt einzulesen, weil dabei sichtbar nichts entschieden wird. Tatsächlich ist es umgekehrt: Die Zeit für Kontext ist die Investition mit dem höchsten Hebel, weil sie nachgelagerte Korrekturschleifen verhindert.

was wahres unternehmertum ist

Der Invest in die eigene Informiertheit, also so viel Wissen wie möglich zu sammeln und die Unsicherheit so weit wie möglich zu reduzieren, und dann trotzdem eine Entscheidung zu treffen, die ein echtes Risiko enthält: Das ist Unternehmertum. Dazu gehört auch, Fehlentscheidungen zu treffen, obwohl vermeintlich mehr Fakten auf dem Tisch lagen. Dafür geradezustehen. Und sich nicht darüber zu ärgern, dass man Zeit verloren hat, weil man sich informiert hat.

Denn die Zeit für Kontext ist nicht verloren, auch wenn die Entscheidung sich im Nachhinein als falsch herausstellt. Sie ist der einzige Weg, überhaupt verantwortungsvoll zu entscheiden. Wer ohne Kontext entscheidet und richtig liegt, hatte Glück. Wer mit Kontext entscheidet und falsch liegt, hat sauber gearbeitet. Der Unterschied ist nicht das Ergebnis, sondern die Qualität des Prozesses dahinter.

was daraus folgt

Wer unternehmerisch arbeitet, sollte sich regelmäßig fragen, in welcher der beiden Modi er gerade steckt. Treffe ich gerade Entscheidungen, weil ich den Kontext verstanden habe? Oder treffe ich sie, weil ich keine Zeit hatte, ihn zu verstehen? Im zweiten Fall ist die ehrlichste unternehmerische Handlung nicht die nächste Entscheidung, sondern eine Pause, in der man sich den Kontext erarbeitet. Auch wenn das von außen wie Stillstand aussieht.