reagieren ist kein handeln

Ich unterscheide drei Zustände: die Beobachtung, die Reaktion und die Aktion. Die meisten Menschen leben nur in einem davon, in der Reaktion. Und das ist der eigentliche Punkt: Im Wort steckt die Aktion, gemeint ist das Gegenteil. Wer reagiert, ist nicht aktiv. Er rennt den Dingen hinterher und nennt es Handeln.

die falle der reaktion

Reagieren fühlt sich nach Betriebsamkeit an. Nach Tun. In Wahrheit ist es ein passiver Zustand. Ich stelle mich gegen die Welt, statt in ihr zu sein, immer als der, der antwortet, abwehrt, nachzieht.

Wir leben in einer Welt, in der so viel Information und so viele Impulse auf uns einprasseln, dass wir fast zwangsläufig ins Reagieren rutschen. Genau das erschöpft. Die Energie, die ich aus Ruhe und Atem ziehen könnte, verbrauche ich im Dagegen. Ich bin Reaktionär im wörtlichen Sinn: einer, der gegen die Welt steht.

Es gibt einen Verräter dieses Zustands: die Zeit. Wenn ich zwischen Reaktion und Beobachtung feststecke, dehnt sich die Zeit ins Endlose. Sie fühlt sich zäh an, weil nichts davon aus meinem eigenen Motiv kommt. Und Motiv kommt aus Bewegung.

beobachten ist aktiv

Die wenigsten Menschen sind in der Beobachtung. Von außen sieht sie aus wie Stillstand. Sie ist das Gegenteil.

Beobachten heißt: aus mir heraus die Welt wahrnehmen, sie beschreiben und daraus eine Handlung ableiten. Kein passives Zuschauen, sondern der aktivste Zustand überhaupt, weil hier alles beginnt. Ob still und heimlich oder ganz bewusst: Die Beobachtung ist immer die Voraussetzung für die eigene Aktion.

Deshalb ist die Reihenfolge nicht beliebig. Erst die Beobachtung, dann das Handeln. Wer diesen Schritt überspringt, landet wieder in der Reaktion.

die ruhe, in der etwas entsteht

Um zu beobachten, brauche ich einen Zustand, den wir verlernt haben zu ertragen: Ruhe. Und Langeweile.

Dann fällt das Gehirn in den Default Mode. In dieser Ruhe nehme ich wieder wahr, verknüpfe, schaffe aus mir heraus etwas Eigenes. Ich fülle die Räume zwischen den einzelnen Punkten. Meine Verbindung ist die Kreation.

Und wenn ich genug verbunden habe, habe ich einen Plan. Dann komme ich ins Handeln, in meinem Tempo, aus mir heraus, aus freien Stücken. So schöpfe ich Kraft, statt sie zu verlieren. Das ist der Unterschied zwischen Aktion und Reaktion: Die eine nährt, die andere zehrt.

raus aus den reizen

Der Weg in die Beobachtung führt über das Weglassen. Ich muss mich von den Impulsen lösen, die unbewusst auf mich einstrahlen und die ich selbst kaum steuere. Die Screens. Die zweiten Screens. Die Geräusche, die Musik, die im Hintergrund laufenden Filme.

Manche Reize tragen: meditative Klänge, ruhige Naturgeräusche, Stille. Und es gibt eine Bewegung, die in die Ruhe hineinführt statt aus ihr heraus: die Bewegung in der Natur. Die Natur wirkt in derselben Geschwindigkeit wie ich. Sie ist im gleichen Raum, in der gleichen Zeit. Auch sie bringt mich auf eine Baseline, auf der ich wieder wahrnehmen und schließlich handeln kann.

Goethe und Kant waren aus gutem Grund passionierte Spaziergänger. Sie wussten, dass das Denken das Gehen braucht.

sich selbst aushalten

Der schwerste Teil kommt zum Schluss. Wenn endlich Ruhe da ist, überlagern wir sie sofort mit dem nächsten Reiz, aus Angst, ins Grübeln zu geraten.

Doch das Grübeln, das endlose Kreisen um eine Sache, wird schnell verwechselt mit etwas anderem: dem ganz normalen Denken. Mit dem Hineinhören in sich selbst, das man seit langem beiseitegeschoben hat. Das ist am Anfang eine Anstrengung. Alles, was sonst übertönt wird, wird auf einmal laut und will sprechen.

Wer das aushält und letztlich sich selbst aushält, kommt an einen Punkt, an dem diese Stimmen leiser werden. Und Raum schaffen.

handeln beginnt in der stille

Wer immer nur reagiert, ist beschäftigt, aber nicht selbstbestimmt. Handeln wächst aus der Ruhe davor, nicht aus mehr Tun.