mehr arbeiten? wir lösen das falsche problem

Seit Monaten wiederholt die Bundesregierung dieselbe Botschaft. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte beim CDU-Wirtschaftstag im Mai 2025, wir müssten in diesem Land wieder „mehr und vor allem effizienter arbeiten“, sonst sei der Wohlstand nicht zu halten. Vor der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau setzte er nach: die Arbeitsleistung der Volkswirtschaft sei „nicht hoch genug“. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche stößt ins selbe Horn. „Wir müssen mehr und länger arbeiten“, sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Lebensarbeitszeit müsse steigen.

Ich halte diese Diagnose für falsch. Wir müssen nicht mehr arbeiten. Wir müssen besser, effizienter und effektiver arbeiten. Und das liegt vor allem an den Prozessen.

das märchen vom viel arbeiten

Wir messen Arbeit und Leistung nach dem Ergebnis, also nach Output und Menge. In welcher Qualität diese Menge entsteht oder wie sie zustande gekommen ist, den Prozess dahinter, betrachten wir dagegen selten. Es hält sich hartnäckig die Erzählung: wer viel arbeitet, der leistet viel, und damit produziert er auch viel. Das stimmt nicht.

Die meisten Unternehmen in meiner Erwerbsbiografie hatten genau dieses Paradox. Viele motivierte Mitarbeiter, aber schlechte Prozesse, vor allem in der Kommunikation und in der Unklarheit über Ziele und Vision. Damit war es nicht möglich, die Arbeit zu verbessern. Man hat reaktiv gearbeitet, immer einer aktuellen Lücke hinterher.

Die Daten geben dieser Beobachtung recht. Die OECD warnt ausdrücklich vor den Ländervergleichen der Arbeitszeit, mit denen die Regierung ihre Forderung begründet. Im europäischen Vergleich schafft eine in Deutschland geleistete Arbeitsstunde einen überdurchschnittlich hohen Wert, rund 73 US-Dollar Beitrag zur Wirtschaftsleistung je Stunde. Eine Analyse der Hans-Böckler-Stiftung auf Basis von Eurostat-Daten zeigt denselben Zusammenhang: Länder wie Deutschland, Frankreich oder Belgien haben relativ kurze Vollzeitarbeitszeiten und einen hohen Teilzeitanteil, zugleich liegt ihre Stundenproduktivität weit über dem Schnitt. Die süd- und osteuropäischen Staaten, in denen länger gearbeitet wird, sind deutlich weniger produktiv. Viel hilft also nicht viel.

Der Grund ist kein Geheimnis. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz fasst die Forschungslage so zusammen, dass für die individuelle Produktivität rund vierzig Stunden pro Woche, verteilt auf fünf Tage, das Optimum sind. Jede Verlängerung darüber hinaus wirkt eher negativ, ab der neunten Stunde steigt zusätzlich das Unfallrisiko. Eine Auswertung von Produktionsdaten kommt zu demselben Bild: Bis etwa achtundvierzig Wochenstunden steigt der Output annähernd proportional, danach nur noch unterproportional. In einer Studie mit Beschäftigten in einem Callcenter führte ein Prozent mehr gearbeitete Stunden zu nur 0,9 Prozent mehr erledigten Anrufen. Der zusätzliche Aufwand verpufft, weil Ermüdung die Leistung dämpft.

Besonders deutlich wird der eigentliche Mechanismus an einer Beobachtung, die mein Argument direkt trifft: In vielen Unternehmen dient längere Arbeitszeit nicht der Wertschöpfung, sondern der Kompensation organisatorischer Schwächen. Unklare Prozesse, überladene Rollenprofile und ineffiziente Meetings werden durch Überstunden überdeckt. Das hebt die gemessene Zeit, nicht die tatsächliche Produktivität. Die Zahlen dazu sind eindeutig: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 552 Millionen bezahlte und 638 Millionen unbezahlte Überstunden geleistet. Die Bereitschaft zu arbeiten fehlt offensichtlich nicht. Es fehlt die Struktur, die diese Arbeit in Wert verwandelt.

wo leistung wirklich entsteht

Wenn wir uns auf ein Work-in-Progress-Limit beschränken würden, uns auf wenige klare Produkte, Ergebnisse und Prozesse verständigen, die alle gemeinsam erarbeiten und in die das Know-how aller einfließt, dann kämen wir erheblich weiter. Dann wäre Wachstum auch mit weniger Produkten möglich, die aber qualitativ besser wären. Und mit der Qualität würde sich am Ende auch die Quantität steigern.

Genau hier liegt der Denkfehler der politischen Forderung. Weil wir Wachstum von vornherein über die Menge definieren, machen wir die Quantität zur Bedingung und übergehen die Frage, unter welchen Bedingungen Leistung überhaupt entsteht. Wer den Prozess nicht betrachtet, kann ihn auch nicht verbessern. Mehr Stunden in ein kaputtes System zu geben, erzeugt keine Leistung, sondern nur mehr Reibung.

wachstum, das von allen getragen wird

Wachstum ist kein Selbstzweck. Wenn ich auf den Menschen schaue, sehe ich das deutlich: Wächst er zu schnell oder zu langsam, entsteht ein Problem. Wenn nicht alles im Organismus sauber zusammenwächst, in der richtigen Art und Funktion, wenn sich die Prozesse nicht mitanpassen, sondern Wachstum aus Zwang entstehen soll, dann führt das nicht nur zu Wachstumsschmerzen, sondern zu Schädigungen, die irreparabel sind und sich im Nachhinein nur schwer aufholen lassen.

In einem laufenden Wachstumsprozess ist es schwer, anzuhalten und zu sagen: wir gehen noch einmal einen Schritt zurück. Umso wichtiger ist es, jedes Projekt und jedes Ergebnis von vornherein auf sein maximales Potenzial zu prüfen und eine klare, gemeinsame, siloübergreifende Vision zu erstellen. Auf jeder Ebene, in der Arbeit, im Privaten, im Politischen, sollte nicht der Bedenkenträger den Maßstab setzen, sondern der Gedankenträger. Die Frage darf nicht die reine Empörung über ausbleibendes Wachstum sein. Die Frage muss lauten, wie wir dorthin kommen, welche Produktionsfaktoren wir anpassen und welche Prozesse wir geraderücken müssen, damit Wachstum überhaupt entstehen kann.

Ein Wachstum, das stetig voranschreitet, kann besser sein als das exponentielle, das immer angestrebt wird, weil mehr ja angeblich immer besser ist. Bleibt das Wachstum dann aus, wird als Referenz nur das Vorjahr genommen. Wachstum um des Wachstums willen, ohne zu schauen, wie sich die Basis und das Gemeinwohl entwickelt haben.

das system, nicht die menschen

Wachstum kann Spaß machen, wenn es von allen getragen wird und jeder seinen Anteil daran sieht. Wenn es aber permanent darum geht, dass einige scheinbar weniger beitragen und andere als minderleistend gebrandmarkt wird, dann liegt das nicht an denen, die nichts leisten wollen. Es liegt an einem System, das es ihnen nicht ermöglicht, leisten zu können.

Genau hier müssen wir ansetzen. In jedem Verein, in jedem Unternehmen und vielleicht auch im privaten Raum. Denn sonst bekommen wir in Zukunft ein Problem. Mehr schlechte Arbeit erzeugt nur mehr schlechte Arbeit und damit mehr schlechte Produkte, Prozesse und Systeme. Und die haben in einer klaren Kausalität zur Folge, dass Wachstum für künftige Themen von vornherein verhindert wird.

Der Ruf nach Mehrarbeit verwechselt das Symptom mit der Ursache. Die Stunden sind nicht das Problem. Das Problem ist, was wir mit ihnen anstellen.

quellen