Wer etwas Neues anfangen will, wartet meistens auf den richtigen Moment. Auf die Lust, die einen überkommt. Auf die Energie, die in einem aufsteigt. Oder auf den einen freien Abend in der Woche, an dem man endlich loslegen kann. Diese Lust, diese Energie, das Gefühl in diesen Momenten ist Motivation. Sie gilt als Treibstoff, ohne den nichts beginnen kann.
Doch ist das wirklich so? Ich denke, Motivation ist, wenn überhaupt, eine Begleiterscheinung. Manchmal ist sie schon zu Beginn da. Wenn man etwas frisch anfängt oder durch jemanden inspiriert ist. Meistens lässt sie schnell nach. Wenn die ersten Erfolge ausbleiben oder man sich einfach nicht fühlt. Oder etwas dazwischen gekommen ist und der Abend, den man sich extra freigehalten hat, doch durch das Leben gefüllt wird. Weil Kind oder Partner krank sind oder man doch etwas anderes zu erledigen hat.
Wichtiger als Motivation ist Disziplin. Während Motivation allerdings mit guten Gefühlen verbunden ist, ist Disziplin eher ein unangenehmer Begleiter. Irgendwie zäh und anstrengend. Aber am Ende hilft sie dabei, die Dinge zu tun, die einen voranbringen.
die untergrenze zählt
Damit Disziplin nicht zum täglichen Kraftakt wird, arbeite ich seit Jahren mit einer festen Zeit, die ich auf jeden Fall schaffe. Je nach Vorhaben sind das fünf Minuten, fünfzehn Minuten oder eine halbe Stunde. Wenn ich gut „drin“ bin und es länger wird, freue ich mich darüber. Kürzer wird es aber nie. Diese Grenze unterschreite ich nicht, auch dann nicht, wenn der Tag voll war und ich eigentlich nur noch auf das Sofa will.
Eine halbe Stunde am Tag klingt erst einmal nach wenig. Sie ist kürzer als eine Folge der Serie, die man abends ohnehin schauen würde. Wer diese halbe Stunde aber wirklich jeden Tag investiert, ohne Ausnahme, kann damit erstaunlich viel erreichen. Eine Weiterbildung abschließen. Ein Nebenprojekt aufbauen, von dem man schon lange träumt. Sogar ein eigenes Unternehmen gründen. Nicht die einzelne halbe Stunde macht den Unterschied, sondern die Summe aus Wochen und Monaten, in denen sie nie ausfällt.
Ich merke das an mir selbst. Neben meinem Job mache ich einen Podcast, baue Websites für mich und für einen Verein und bin fast jedes Wochenende auf Turnieren unterwegs. Dazwischen gehe ich laufen. Wenn Menschen das hören, kommt fast immer die Frage: Wie schaffst du das alles? Die Antwort ist ziemlich unspektakulär. Ich mache nie mehr als zwei oder drei Dinge gleichzeitig. Und in jedes davon stecke ich wenig Zeit, dafür aber beständig. Für Menschen mit Kindern, ist es wesentlich schwieriger, einen Zeitslot zu finden und auch durchzuhalten, da Care-Arbeit viel Zeit einnimmt. Es lohnt sich aber immer auch hier kleine Einheiten einzuschieben.
kleine einheiten statt großer ziele
Mit großen, überambitionierten Zielen kann ich wenig anfangen. Ein Jahresziel klingt im Januar großartig. Man schreibt es auf, fühlt sich gut dabei und hat das Gefühl, jetzt wirklich etwas zu verändern. Dann kommt der Alltag. Ein Jahr ist lang und das Ziel liegt weit weg. Viele merken erst im Herbst, dass sie kaum vorangekommen sind, und dann ist der Frust größer als vorher.
Ich halte die Einheit deshalb so klein wie möglich. Jeden Tag eine kleine Einheit und nach einem Monat soll ein bestimmtes Ergebnis stehen. Das ist überschaubar. Ich sehe nach ein paar Wochen, ob ich auf dem richtigen Weg bin, und kann nachsteuern, bevor ein ganzes Jahr vergangen ist.
Noch wichtiger als das Ziel ist das System dahinter. Damit meine ich eine Umgebung, in der das Richtige passiert, ohne dass ich mich jedes Mal neu dafür entscheiden muss. Wenn morgens meine Sportsachen schon bereitliegen, gehe ich laufen. Ich muss nicht erst suchen, nicht überlegen, nicht mit mir verhandeln. Wenn ich abends noch lernen will, gehe ich an einen bestimmten Platz, an dem mein Buch und meine Notizen schon liegen und kann sofort anfangen. Jede Hürde, die ich vorher aus dem Weg geräumt habe, ist eine Ausrede weniger. Und ich brauche keine Motiviation für die Hürde, die nicht mehr da ist.
Dazu gehört auch, wo ich lerne oder mein Projekt bearbeite. Bei mir findet das an einem anderen Ort statt als das Entspannen. Viele kennen die Situation: Der Partner schaut abends eine Serie und man setzt sich mit dem Laptop dazu, weil man ja auch Zeit miteinander verbringen will. Irgendwie soll beides gehen. Für die meisten funktioniert das nicht. Man ist weder richtig bei der Arbeit noch richtig beim anderen und am Ende hat man von beidem nur die Hälfte. Ich finde es besser, ehrlich zu sagen: Ich nehme mir jetzt eine halbe Stunde für mich, ziehe mich zurück und mache in Ruhe, was ich mir vorgenommen habe. Danach kann ich mit gutem Gewissen abschalten und bin wirklich da. Und diese halbe Stunde ist mehr, als die meisten an diesem Tag für sich getan haben.
das kreuz im kalender
Es gibt eine Methode, die man dem Comedian Jerry Seinfeld zuschreibt. Er habe sich vorgenommen, jeden Tag einen Witz zu schreiben. Für jeden geschafften Tag hat er ein Kreuz in den Kalender gemacht. Das Prinzip ist schlicht und erstaunlich wirksam. Nach fünf Kreuzen in Folge hat man keine Lust, das sechste auszulassen. Man will die Kette nicht unterbrechen, die man sich so mühsam aufgebaut hat. Sie wird selbst zum Antrieb, gerade an den Tagen, an denen sonst nichts zieht.
Ich habe das eine Zeit lang mit Liegestützen gemacht, 100 Stück am Tag. In jedes Zimmer der Wohnung habe ich mir einen Zettel geklebt und dort abgehakt, wann immer ich wieder ein paar geschafft hatte. Das war ziemlich aufwendig und sah vermutlich auch etwas merkwürdig aus. Aber gerade dieser Aufwand hat geholfen. Wer so viel in seine Kette investiert hat, will keine Lücke sehen. Mit der Lücke fängt alles von vorn an und die ganzen Kreuze davor zählen plötzlich nicht mehr.
Das ist für mich der Kern. Disziplin bleibt anstrengend, das will ich nicht schönreden. Aber ich kann es mir leichter machen. Ein sichtbarer Auslöser und ein kleiner Kontrollpunkt nehmen mir einen Teil der Willenskraft ab, die ich sonst jeden Tag neu aufbringen müsste. Disziplin heißt dann weniger Zähnezusammenbeißen und mehr ein gut gebautes System, das mich durch die zähen Tage trägt.
an schlechten tagen gilt die minimalversion
Und diese zähen Tage kommen. Tage, an denen nichts geht. Man ist müde, der Kopf ist voll, man hat sich über etwas geärgert oder fühlt sich schlicht nicht danach. Genau an diesen Tagen entscheidet sich, ob ein Vorhaben überlebt. Ich frage mich dann: Was ist das Minimum, mit dem ich mein System am Leben halte? Wenn fünfzehn Minuten Schreiben nicht drin sind, dann schreibe ich fünf. Wenn kein ganzer Lauf drin ist, gehe ich wenigstens eine Runde um den Block. Es geht um die Handlung selbst. Die Länge ist an solchen Tagen zweitrangig.
Ich sage mir dann gern einen Satz, der mich seit Jahren begleitet: Wenn die Motivation am niedrigsten ist, muss die Disziplin am höchsten sein.
Beim Laufen kenne ich das sehr gut. Die ersten Schritte fühlen sich schwer an. Die Beine sind müde, ich habe keine Lust und überlege ernsthaft, umzudrehen. Wenn ich dann trotzdem weiterlaufe, passiert nach einer Weile etwas. Der Kopf wird frei, irgendwann kommt die Sonne durch und ich frage mich, wie ich mich vor einer halben Stunde noch so träge fühlen konnte. Die gute Laune war nie die Voraussetzung für den Lauf. Sie war sein Ergebnis.
Und genau da zeigt sich, was Motivation eigentlich ist. Sie kommt oft erst unterwegs dazu, als Begleiterin, die sich der Disziplin anschließt. Wer auf sie wartet, wartet oft lange. Wer anfängt, bekommt sie geschenkt.
Motivation folgt der Disziplin, nie umgekehrt. Wer auf die Lust wartet, wartet oft lange. Wer anfängt, bekommt sie dazu.